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Annie Ernaux: Der Platz, suhrkamp

Ihr Vater stirbt, und Annie Ernaux nimmt das zum Anlass, sein Leben zu erzählen: Um die Jahrhundertwende geboren, musste er früh von der Schule abgehen, war zunächst Bauer, dann, bis zum Todesjahr 1967, Besitzer eines kleinen Lebensmittelladens in der Normandie, die körperliche Arbeit ließ ihn hart werden gegen seine Familie. Das Leben des Vaters ist auch die Geschichte vom gesellschaftlichen Aufstieg der Eltern und der gleichzeitigen Angst, wieder in die Unterschicht abzurutschen, von der Gefahr, nicht zu bestehen. Dass seine Tochter eine höhere Schule besucht, macht ihn stolz, trotzdem entfernen sich beide voneinander.
Und so ist die Erzählung der Tochter auch die eines Verrats: An ihren Eltern, einfachen Menschen, und dem Milieu, in dem sie aufgewachsen ist – gespalten zwischen Zuneigung und Scham, zwischen Zugehörigkeit  und Entfremdung.
Annie Ernaux schreibt die objektive Biographie ihres Vaters. Dabei wird sie zur genauen  Beobachterin der Verhältnisse, aus denen sie stammt. Das Erscheinen von Der Platz 1983 markiert einen Einschnitt in der französischen Literatur – diese neuartige Form der Selbstbetrachtung ist der Glutkern der Autofiktion.

»Ernaux beobachtet und schreibt poetisch und präzise zugleich. Die herrschaftsförmige Logik des Sozialen, die Spaltung der Klassen, die Angst vor dem Abstieg und der Druck der Konkurrenz sind bei ihr kein literaturfremder Gegenstand.« (Jakob Hayner, Jungle World)

Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung, Liebeskind

New York, am Anfang des neuen Jahrtausends. Einer jungen Frau stehen die Türen zu einer Welt aus Glanz und Glitter offen. Sie ist groß, schlank und ausgesprochen hübsch. Gerade hat sie an einer Elite-Universität ihren Abschluss gemacht und arbeitet nun in einer angesagten Kunstgalerie. Sie wohnt im teuersten Viertel der Stadt, was sie sich leisten kann, weil sie vor Jahren schon ein kleines Vermögen geerbt hat. Es könnte also nicht besser laufen in ihrem Leben ... In Wirklichkeit jedoch wünscht sie sich nichts sehnlicher, als ihrer Welt den Rücken zu kehren. Von einer dubiosen Psychiaterin lässt sie sich ein ganzes Arsenal an Beruhigungsmitteln, Antidepressiva und Schlaftabletten verschreiben. Mithilfe der Medikamente will sie »Winterschlaf halten«. Aber dann merkt sie in einem ihrer wenigen wachen Momente, dass sie im Schlaf ein eigenes Leben führt. Sie findet Kreditkartenabrechnungen, die auf Shoppingtouren und Friseurbesuche hindeuten. Und scheinbar chattet sie regelmäßig mit wildfremden Männern in merkwürdigen Internetforen. Erinnern kann sie sich daran aber nicht.

»Das deprimierendste und zugleich subversivste Buch des Jahres. Wer es noch nicht kennt, gehört zum Establishment!« (Maxim Biller)

Sibylle Berg: GRM - Brainfuck, KiWi

Sibylle Bergs neuer Roman beginnt in Rochdale, UK, wo der Neoliberalismus besonders gründliche Arbeit geleistet hat. Die Helden: vier Kinder, die nichts anderes kennen als die Realität des gescheiterten Staates. Ihr Essen kommt von privaten Hilfswerken, ihre Eltern haben längst aufgegeben. Die Hoffnung, in die sie sich flüchten, ist Grime, kurz GRM. Grime ist die größte musikalische Revolution seit dem Punk. Grime bringt jeden Tag neue YouTube-Stars hervor, Grime liefert immer neue Role-Models.
Als die vier begreifen, dass es zu Hause keine Hoffnung für sie gibt, brechen sie nach London auf. Hier scheint sich das Versprechen der Zukunft eingelöst zu haben. Jeder, der sich einen Registrierungschip einpflanzen lässt, erhält ein wunderbares Grundeinkommen. Die Bevölkerung lebt in einer perfekten Überwachungsdiktatur. Auf der Straße bleibt nur der asoziale, vogelfreie Abschaum zurück. Die vier Kinder aber – die fast keine Kinder mehr sind –, versuchen außerhalb des Systems zu überleben. Sie starten ihre eigene Art der Revolution.

»Niemals moralisierend, in dieser extrem souverän rhythmisierten Sprache, die nicht ohne Mitgefühl ist, sondern im Gegenteil voller Empathie. [...] Wie ein finsterer Trimm-dich-Pfad für unsere Empfindsamkeit. Wie ein Training gegen die Abstumpfung, das uns sensibel hält und immun macht gegen den Zynismus der Gewohnheit.« (Julia Encke, FAS)

Lisa Kränzler: Coming of Karlo, Verbrecher Verlag

Der siebzehnjährige Karlo findet heraus, dass sein Vater nicht sein Vater ist. Zudem plagt ihn eine Fußballverletzung, obwohl sie verheilt sein soll. Dann lernt Karlo Gwen kennen. Sie ist direkt, stark, faszinierend – er verliebt sich in sie und sie sich in ihn. Er ist unbeschreiblich glücklich. Doch hat sie auch was mit einem anderen? Karlo ist verzweifelt, Karlo ist vor Eifersucht rasend, Karlo zieht sich in den Wald zurück. Schließlich kommt es zu einer Konfrontation, die in einer Katastrophe endet …

Lisa Kränzler ist ein Roman gelungen, der mit allen Mitteln der Sprache die Geschichte verletzter Menschen in einer kaputten Welt erzählt, in der toxische Männlichkeit wie ein wildes Tier lauert und einen Charakter befällt.

»Kränzler knetet Wörter zu Satzkunstwerken, ihre Gedanken sind klug, abwegig, irre und schlichtweg schön, man möchte das ganze Buch zitieren.«  (Jana Felgenhauer, Spiegel Online)

Dennis Cooper: Mein loser Faden, Luftschacht

Gilman ist der Anführer einer rechtsextremen Gruppe, die Todeslisten ihrer Mitschüler führt. Als Pete von Gilman den Auftrag bekommt, für 500 Dollar Bill zu töten, weil er dessen Notizbuch haben will, sucht Pete bei Larry Hilfe. Larry wirkt gefühlskalt und ist gewaltbereit, er erledigt den Job scheinbar ohne Mitgefühl. Aber Larry wird von Schuldgefühlen gequält, er glaubt sich verantwortlich für den Tod eines Freundes. Und er fühlt sich in Sorge zu seinem kleinen Bruder hingezogen, den er aber dennoch schwer misshandelt. Als Larry beginnt, im Notizbuch des ermordeten Bill zu lesen, nehmen seine Verwirrung und Zerrissenheit noch zu. Die Schraube der Gewalt wird immer fester angezogen, bis es kommt, wie es kommen muss – es fallen Schüsse …

»Die emotionale Verwahrlosung, unter der alle leiden, scheint allgegenwärtige Normalität. Der Verzicht auf Erklärungen erzeugt die besondere Grausamkeit des Textes, nirgends Trost, keine Erlösung.« (Michael Sollorz, sissymag.de)

»Wieder und wieder stößt Cooper seine Leser an die Grenze des Ertragbaren - doch nur, um sie im nächsten Moment zu Tränen zu rühren.« (Süddeutsche Zeitung)

John Lanchester: Die Mauer, Klett-Cotta

In Großbritannien gilt das Gesetz des Stärkeren. Das Land ist von einer hohen Mauer umgeben, die von den Bewohnern um jeden Preis gegen Eindringlinge verteidigt wird.
Joseph Kavanagh tritt seinen Dienst auf der Mauer an, die England seit dem großen Wandel umgibt. Er gehört nun zu jener Gruppe von jungen Menschen, die die Mauer unter Einsatz ihres Lebens gegen Eindringlinge verteidigt. Der Preis für ein mögliches Versagen ist hoch. Schaffen es Eindringlinge ins Land, werden die verantwortlichen Verteidiger dem Meer – und somit dem sicheren Tod – übergeben. Das Leben auf der Mauer verlangt Kavanagh einiges ab, doch seine Einheit wird zu seiner Familie, und mit Hifa, einer jungen Frau, fühlt er sich besonders eng verbunden. Gemeinsam absolvieren sie Kampfübungen, die sie auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Denn ihre Gegner können jeden Moment angreifen. Und die sind gefährlich, weil sie für ein Leben hinter der Mauer alles aufs Spiel setzen.

»Die Mauer ist einerseits ein ökonomisch und routiniert erzählter, spannender Pageturner über eine Odyssee nach dem Ende unserer Weltordnung. Zugleich fragt der Roman auf wohltuend schlichte Weise nach dem Verhalten vom Menschen, das nicht automatisch in die in diversen Dystopien schon ausgereizte postapokalyptische Barbarei des „Jeder gegen Jeden“ zurückfällt.« (Thomas Edlinger, FM4)

Kenah Cusanit: Babel, Hanser

1913, unweit von Bagdad. Der Archäologe Robert Koldewey leidet ohnehin schon genug unter den Ansichten seines Assistenten Buddensieg, nun quält ihn auch noch eine Blinddarmentzündung. Die Probleme sind menschlich, doch seine Aufgabe ist biblisch: die Ausgrabung Babylons. Zwischen Orient und Okzident bahnt sich gerade ein Umbruch an, der die Welt bis in unsere Gegenwart hinein erschüttern wird. Wie ein Getriebener dokumentiert Koldewey deshalb die mesopotamischen Schätze am Euphrat; Stein für Stein legt er die Wiege der Zivilisation frei – und das Fundament des Abendlandes. Kenah Cusanits erster Roman ist Abenteuer- und Zeitgeschichte zugleich – klangvoll, hinreißend, klug.

»Ein Roman über einen Archäologen - staubtrocken, was? Nein! Mit Witz erzählt Kenah Cusanit von Robert Koldewey und dem Grabungswahn - und kommentiert die Museumspolitik von heute. ... Das Debüt der Anthropologin ... ist die reinste Freude. Weil es so kostbar ist wie ein Stück Babylon, eine derart ungewöhnliche Stimme zu entdecken.« (Anne Haeming, SPIEGEL online)

Birgit Schmidt: Das Ende. Emmy Eckstein und Alexander Berkman in Südfrankreich, Edition Assemblage

Emmy Eckstein (1900–1939), die langjährige Lebensgefährtin des bekannten Anarchisten Alexander Berkman, wurde von dessen Genossen und Genossinnen geschmäht. Sie galt als besitzergreifend und spießig – in erster Linie warf man ihr ihre bürgerliche Herkunft vor – und als hypochondrisch. Doch für ihre von den Nationalsozialisten enteignete und verfolgte Familie, von der vier Mitglieder im Holocaust ermordet wurden, konnte sie nichts. Und krank war sie tatsächlich.
Dass sie das Grauen antizipierte, das einen großen Teil der Familie Eckstein erwartete, dass ihre große Nervösität und Sensibilität sie die Bedrohung stärker empfinden ließ als die Anarchisten, die das spezifisch antisemitische Element der nationalsozialistischen Ideologie bis zum Schluss (Berkman starb 1936, Emma Goldman 1940) nicht wahrhaben wollten, ist die These des Buches, die anhand der Krankengeschichte Emmy Ecksteins belegt werden soll.

Kultur & Gespenster Nr. 20 »Unter dem Radar«, Textem Verlag

Ein Magazin zu alternativen Publikationsformen seit den 1960er Jahren und zur Ästhetik der Underground-Presse in analogen wie auch digitalen Zeiten.
Über Kunst und linke Gegenöffentlichkeit, literarische Wunscherfüllung, dissidente Publikationsmodelle, Einkaufszettel, Wut- und Liebesbriefe.
Kultur & Gespenster Nr. 20 widmet sich Publikationen. Es wird insgesamt viel Gewese gemacht um Magazine, oder anders: Die absonderliche Verehrung publizistischer Experimente steht in krassem Gegensatz zum heutigen Mainstreamkack auf diesem Gebiet – also, gründet Verlage und Magazine, es ist ganz einfach! Die Herangehensweisen sind divers: Fundstücke sammeln, fremdes Material kommentieren, Gruppenarbeit, klassische Berichterstattung ... Egal wie, immer wird auch um die ideologische Ausrichtung gestritten.

Wolfgang Pohrt: Werke in 11 Bänden, Edition Tiamat

»Er war unerbittlich, brillant und auch noch lustig.« (Christof Meueler, Neues Deutschland)

»Wolfgang Pohrt hat funkelnde Marksteine in die Landschaft des Block-Konformismus gesetzt: mit boshaft zugeschliffenem Witz, der ohne Rücksicht auf die unabgesprochenen Sprachregelungen das scheinbar Tiefsinnige als Gefasel im Gewande der marktgängigen Gesinnung entlarvt. Ein Zögling der Frankfurter Schule und superber Marx-Kenner, hat Pohrt eine eigene, brillant-pointierte Sprache entwickelt.« (Josef Joffe, Süddeutsche Zeitung)

»Aus der Erfahrung, was passiert, wenn Deutsche die Welt retten wollen und besondere Verantwortung für die Vergangenheit, die Zukunft, den Globus oder den Frieden übernehmen, erwuchs Pohrts allgemeine Skepsis gegen den großen Fortschritt, der keine Rücksicht auf die Bedenken derer nimmt, die ihn ertragen sollen.« (Uli Krug, Jungle World)

»Hat man sich einmal mit der Reaktion auf Pohrts Polemiken befaßt, so stößt man erstens geradewegs auf die Binsenweisheit, nach der jemand am lautesten schreit, wenn er sich in seinem Unrechtsein ertappt fühlt und zweitens ohne besondere Mühe auf ein von Benjamin beklagtes Phänomen: Die fehlende Fähigkeit zur ironischen Distanz. Einiges müssen ihm auch die ärgsten Gegner attestieren: Seine brillante Sprache, ein Gespür für quälende Paradoxien und verbaute Ansichten, seine messerscharf gezogenen Schlüsse.« (Elke Schubert)

Daria Bogdanska: Von Unten, Avant-Verlag

Auf der Suche nach einem Neustart zieht es die Mittzwanzigerin Daria ins schwedische Malmö. Dort findet sie, wie auch in Polen, Arbeitsverhältnisse vor, in denen gerade Migrant*innen illegal beschäftigt und massiv ausgebeutet werden. Mit Hilfe der Journalistin Johanna und der Unterstützung einer Gewerkschaft beginnt sie, aktiv zu werden und sich zu organisieren. Sie begreift sich als Teil eines politischen Arbeitskampfes.
Von Unten ist eine autobiographische Erzählung über persönliche und politische Kämpfe und eine humorvolle wie universelle Geschichte über das Ankommen in einem neuen Land. Daria Bogdanska schildert die prekäre Lage einer Generation ohne sichere Jobs, das Leben in der Malmöer Underground-Szene und ihre Sehnsucht nach Liebe, Gerechtigkeit und einem Zuhause.

Matteo Mastragostino, Alessandro Ranghiasci: Primo Levi, Bahoe Books

Herbst 1986. Wenige Monate vor seinem Tod traf Primo Levi die Schüler der Volksschule Rignon in Turin. Es war die gleiche Schule, die er als Kind besuchte. So begann die lange Reise des Wissens, in dem der Schriftsteller die Kinder an der Hand nahm und sie ruhig in sein persönliches Drama begleitete und mit sanfter Festigkeit zu erklären versuchte, was der Holocaust war, und wie er es geschafft hat, die Hölle von Auschwitz zu überleben. Fragen über Fragen: Die Schüler öffneten ihre Augen und sahen die schwärzeste Seite der menschlichen Geschichte, geführt durch die Stimme und die Gesten eines ihrer maßgeblichsten Zeugen, einem Meister der Klarheit und des Widerstands, der Entschlossenheit und der Tat.
Primo Levis Biographie als berührende Graphic Novel zählt nicht nur zu den zugänglichsten Werken über die Deportation und Ermordung der Juden in Auschwitz, sondern gewinnt durch die zurückgenommene Erzählweise in Kombination mit den präzisen, unaufdringlichen Zeichnungen den Rang von Weltliteratur.

Emil Ferris: Am liebsten mag ich Monster, Panini Verlag

Vor dem Hintergrund des politisch turbulenten Chicago der späten sechziger Jahre erzählt die zehnjährige Karen Reyes die Geschichte ihrer Monster in Form eines fiktiven, gezeichneten Tagebuchs, das sich der Bildersprache von Horror-B-Movies und Grusel-Groschenheften bedient.
Emil Ferris' Debüt-Graphic-Novel AM LIEBSTEN MAG ICH MONSTER ist zugleich Murder Mystery und Familiendrama, mitreißendes Geschichtenepos ebenso wie ein Psychothriller über Monster - echte und eingebildete, im Kopf wie in der Welt.
Mit seinem kaleidoskophaften und atemberaubend virtuosen Stil, der klassische Comic-Strukturen mit Bildmontage verbindet, ist dieser Band ein vielschichtiges Werk beeindruckender Originalität und nachhaltiger Wirkung.