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Édouard Louis: Das Ende von Eddy, S.Fischer

Mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt der junge französische Autor Édouard Louis die Geschichte einer Befreiung aus einer unerträglichen Kindheit: inspiriert von seiner eigenen. Armut, Homophobie, Gewalt.

»Ich rannte weg, ganz auf einmal. Gerade hörte ich meine Mutter noch sagen ›Was soll der Scheiß jetzt wieder?‹. Aber ich wollte nicht bei ihnen bleiben, ich weigerte mich, diesen Moment mit ihnen zu teilen. Ich war schon weit weg, ich gehörte nicht mehr zu ihrer Welt, der Brief besagte es. Ich kam zu den Feldern und wanderte einen Großteil der Nacht herum, auf den Feldwegen, in der Kühle Nordfrankreichs, in dem zu dieser Jahreszeit so intensiven Geruch der Rapsfelder. Die ganze Nacht über entwarf ich mein neues Leben fern von hier.«

»Jedes traditionsbewusste Dorf scheint für sich allein zu existieren, sich den Horizont der weiten Welt auf ein überschaubares und verträgliches Mass zurechtzustutzen. Alles, was von ausserhalb in diesen Organismus eindringt – seien es Zuzügler, Umsiedler oder urbane Flüchtlinge –, bleibt für die Ortsfesten ein misstrauisch beäugter Fremdkörper, eine Fremdzelle, die oft auf Lebenszeit offen oder hinter vorgehaltener Hand stigmatisiert wird. Eine Trutzburgmentalität greift um sich, die schnell bereit ist, in Ressentiments gegen das nächstgelegene Dorf oder das gekünstelt scheinende Gebaren der Städter umzuschlagen. Aber auch das, was von innen auf eine Gemeinschaft bedrohlich wirkt, kann von der Mehrheit abgestossen werden.« (Neue Zürcher Zetung)

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe, Arche Literatur Verlag

Ihre Storys zeugen von einem unsteten Leben voller Brüche. Es sind Frauen wie sie, deren Schicksal sie festhält: alleinerziehende Mütter, Alkoholikerinnen auf Entzug, Haushaltshilfen, Krankenschwestern und Sekretärinnen. Es geht um Mütter und Töchter, scheiternde Ehen und schwangere Mädchen, um Immigranten, Reichtum und Armut, um Einsamkeit, Liebe und Gewalt. Die Orte des Geschehens sind Waschsalons, Cafés und Restaurants, Krankenhäuser und Arztpraxen. Hier ereignet sich das Unerwartete, hier zeigen sich die kleinen Wunder des Lebens, entwickeln sich Tragödien, denen Lucia Berlin mal mit feinem Humor, mal voller Melancholie, aber stets mit ergreifender Empathie auf den Grund geht.

»Eine präzise und überaus literarische Erkundung des Überlebenskampfes einer alleinerziehenden Mutter, Trinkerin, Putzfrau und Schriftstellerin.« (literaturkritik.de)

Miranda July: Der erste fiese Typ, KiWi

Cheryl Glickman ist eine Mittvierzigerin mit System: Sie besitzt nur, was sie wirklich benötigt (z.B. einen Teller, eine Gabel, einen Löffel …) und bündelt ihre Energien maximal (»Wenn Sie schon ein Buch lesen müssen, dann tun Sie es doch gleich neben dem Bücherregal und halten den Finger in die Lücke, damit Sie es dann wieder zurückstellen können!«). Cheryl arbeitet bei einer Firma, die Selbstverteidigung zu Fitnesszwecken lehrt, sie ist seit Jahren verliebt in den 20 Jahre älteren Philipp (der wiederum eine 16-Jährige begehrt) und von dem Gedanken überzeugt, dass sie beide eigentlich seit Jahrtausenden ein Paar sind (Höhlenmann und Höhlenfrau). Als die Tochter ihrer Chefs bei ihr einzieht, wird ihre Ordnungs-Obsession gnadenlos zerstört: Clee, 20 Jahre alt, ist ein Messie, hat Schweißfüße und keinerlei Manieren. Und sie greift Cheryl körperlich an. Bald kämpfen die beiden nach Vorlage der alten Selbstverteidigungsvideos von Open Palm. Eine Choreografie, die Cheryl ganz neue körperliche Erfahrungen verschafft. Die beiden werden ein Paar, zumindest eine Art Paar, und als Clee schwanger wird, übernimmt Cheryl die Rolle ihres Lebens.

»Zentrale Themen von Miranda Julys Werk sind Entfremdung und Einsamkeit: Denn der so expressive wie egozentrische Individualismus führt trotz unzähliger Kommunikationskanäle immer nur wieder dazu, dass jeder allein ist. « (Bayern 2)

»Miranda July ist die Meisterin des geistreichen Trosts.« (Die Zeit)

Razel Reid: Movie Star, Albino Velag

Für Jude ist die Schule ein großes Filmset: Da gibt es Crewmitglieder, Statisten und Hauptdarsteller – und jeder fügt sich in seine Rolle. Nur Jude ist im Drehbuch nicht vorgesehen. Als schrille Diva in High Heels und Glamour-Make-up zieht er die Blitzlichter der Paparazzi magisch an und mischt den Schulalltag gewaltig auf. Und als er das Undenkbare wagt und um das Herz seines Angebeteten kämpft, überschlagen sich die Ereignisse. Aber was wäre ein Blockbuster ohne dramatischen Höhepunkt? Eine ebenso rasante wie berührende Geschichte über das Anderssein — schonungslos erzählt und voller bissigem Humor.

»Seine Fähigkeit, noch über die düstersten Szenen ein wenig Glitzer zu streuen, ist so verstörend wie faszinierend. Und Reid zieht diesen Eskapismus, über dessen Auswüchse man manchmal lachen, manchmal schlucken muss, mit bewundernswerter Konsequenz durch. Selbst den dunkelsten Momenten ringt der Erzähler eine Poesie von betörender Schönheit ab. [...] Auch das ist ein Stück Realität. Und Reids großes Verdienst, Jude nicht als Heiligen zu verklären, sondern einen mal liebenswerten, mal narzisstischen, mal anlehnungsbedürftigen, mal anmaßenden Helden zu erschaffen, der letztendlich Opfer seines homophoben Umfelds wird.« (Fixpoetry)

Antonio Ortuño: Die Verbrannten, Verlag Antje Kunstmann

Santa Rita, ein unbedeutendes Kaff im Süden Mexikos. In einer Notunterkunft für zentralamerikanische Flüchtlinge auf dem Weg in die USA wird ein Feuer gelegt, dem zahlreiche Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fallen. Irma, genannt La Negra, wird zur Untersuchung des Vorfalls zum lokalen Büro der Nationalkomission für Migration geschickt.
Dort sind ihre Nachforschungen wenig willkommen und in einem Klima der Angst ist keiner der Überlebenden bereit, zu den Ereignissen in der Nacht des Anschlags auszusagen – bis auf die zwanzigjährige Yein, die zu Irmas einziger Zeugin wird. Doch in einem Land, wo Zentralamerikaner allenfalls als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden und wo Behörden, Polizei und kriminelle Banden gemeinsam ein zynisches Geschäft betreiben, das noch den letzten Peso aus den Flüchtlingen herausquetscht, kann es tödliche Folgen haben, den Dingen auf den Grund zu gehen.
In diesem vielstimmig orchestrierten und schonungslos rauen politischen Roman porträtiert Antonio Ortuño ein menschenverachtendes System, das die Schwächsten ausraubt, vergewaltigt, verbrennt und schließlich in Massengräbern verschwinden lässt.

»Dieses Buch überzeugt sowohl durch die dokumentarische Deutlichkeit, mit der es die furchtbaren Ereignisse ausbreitet, als auch durch sprachliche Vielfältigkeit - und seinen bösen Sarkasmus.« (Deutschlandradio Kultur)

Gioacchino Criaco: Schwarze Seelen, Folio Verlag

Armut, archaische Riten, organisiertes Verbrechen – eine Geschichte aus dem gottverlassenen Süden Italiens: Drei Freunde aus dem Bergdorf Africo in Kalabrien wollen sich weder dem Schicksal noch den lokalen Paten ergeben. Die Söhne armer Ziegenhirten, die bereits als Kinder reiche entführte Industrielle aus dem Norden in den dichten Wäldern des Aspromonte-Gebirges bewachten, wollen dem Kreislauf von Tradition und Not entkommen. Beginnend mit kleinen Diebstählen steigen sie in das internationale Drogengeschäft Mailands ein – und werden zum Spielball undurchdringlicher Mächte.

»Ein starker Roman, dessen Stoff gerade in der kühlen, beiläufigen und dennoch sehr präzisen Art des Erzählens, seine Kraft entfaltet. Doch sie verleiht ihm auch eine gewisse Sprödigkeit. So liegt diese hoch konzentrierte, spannende Geschichte zwar offen da, wirkt bisweilen aber dennoch so verschlossen, wie die Bergbewohner, von denen sie erzählt.« (SWR 2)

Heiko Werning, Volker Surmann (Hrsg.) Ist das jetzt Satire oder was? Beiträge zur humoristischen Lage der Nation, Satyr Verlag

Was darf Satire? Was kann Satire? Was soll Satire? 38 Autorinnen und Autoren – bekannt von Lese- und Kleinkunstbühnen, aus Titanic und taz-Wahrheit – ergründen das Verhältnis der Deutschen zur Satire.
Nach dem Attentat auf Charlie Hebdo wurde auch hierzulande viel über das Wesen und die Aufgabe von Satire diskutiert. Die Lage ist kurios: Das Genre ist so populär wie nie zuvor,  das Netz voll mit humoristischen Seiten, doch das Satireverständnis scheint abzunehmen.
Ein Lesebuch mit famosen Satiren, ausgesuch-ten Beleidigungen, gefakten Reportagen, wütenden Reaktionen und Spitzenreflexionen zu Macht und Grenzen einer häufig missverstandenen Kunstform.

»Die größten Feinde der Satire sind eben keine fremdländischen Despoten, sondern die eigenen Leser, das wird in dieser unterhaltsamen Anthologie rasch klar.« (DeutschlandRadio Kultur)

Cederström, Carl & Spicer, André: Das Wellness-Syndrom. Die Glücksdoktrin und der perfekte Mensch, Edition Tiamat

In diesem Buch argumentieren Carl Cederström und André Spicer, dass sich der allgegenwärtige Druck, unser Wohlbefinden zu maximieren, inzwischen gegen uns richtet, uns schlecht fühlen lässt und dazu führt, dass wir uns in uns zurückziehen. Das Wellness-Syndrom folgt Gesundheitsfreaks, die bis zum Äußersten gehen, um die perfekte Diät zu finden, Angestellten, die den Tag mit einer Tanzparty beginnen, und den »Self-Trackern«, die alle Körperdaten messen, einschließlich ihrer Toilettengewohnheiten. Das ist eine Welt, in der sich gut fühlen ununterscheidbar geworden ist von gut sein.
Vorstellungen von sozialer Veränderung sind auf Träume individueller Verwandlung reduziert, politische Debatten werden von ödem Moralisieren ersetzt, und wissenschaftliche Beweise werden gegen New-Age-Täuschungen eingetauscht. Eine anschauliche und witzige Diagnose des Wellnesskults für jeden, der misstrauisch ist gegenüber der unablässigen Suche nach mehr Glück und Gesundheit.

»Immer mehr Menschen führen das eigene Leben wie ein Geschäft und versuchen, noch in ihrer Freizeit effizient zu sein. Cederström und Spicer schildern diesen Wandel von der "Work-Ethic" zur "Workout-Ethic" scharfzüngig, mit einem Auge für absurde Auswüchse. « (DRadio Kultur)

»An den Studien von Christopher Lasch und Richard Sennett zum Narzissmus und den Governmentality Studies orientiert, zeigen die Autoren plausibel, wie der Appell an die positive und ganzheitliche Kraft der Arbeitssubjekte vor sich geht, um damit neue Kontrollformen und Effizienzsteigerung zu etablieren.« (taz)

Jaime Hernandez: Liebe und Versagen, Reprodukt

Bereits seit mehr als drei Jahrzehnten begleitet Jaime Hernandez das Leben seiner Protagonistin Maggie Chascarillo. Ähnlich Harry Angstrom in John Updikes “Rabbit”-Romanen wuchs Maggie gemeinsam mit ihren Lesern heran. Heute ist sie Mitte Vierzig und alle Pfade, die sie betreten hat, sämtliche Entscheidungen, die sie traf, kulminieren in “Liebe und Versagen”.
Wie ein Kaleidoskop führt das Buch Schicksalsschläge, Familiengeheimnisse und Wendepunkte in Maggies Leben zusammen und erzählt eine berührende Geschichte über Erinnerungen und ihre Last auf unserer Gegenwart. Jamie Hernandez gelingt mit “Liebe und Versagen” ein Kunstwerk – kraftvoll und echt –, das uns eindrücklich vor Augen führt, dass wir Ängste und Traurigkeit akzeptieren müssen, uns von ihnen aber nicht versehren lassen dürfen.

Jaime, Gilbert und Mario Hernandez, drei Brüder mexikanisch-amerikanischer Abstammung, haben mit “Love & Rockets” das wohl spannendste und facettenreichste Comic-Universum der letzten dreißig Jahre geschaffen. Ihre Geschichten erzählen vom bewegten Leben südkalifornischer Jugendlicher, von Auseinandersetzungen und Liebesleben sowohl in den Vororten von Los Angeles als auch im fiktiven lateinamerikanischen Dorf Palomar.

Wir empfehlen die komplette Reihe in Englisch, erschienen bei Fantagraphics.

Adrian Tomine: Eindringlinge, Reprodukt

Ein Familienschicksal zwischen Krebserkrankung und Stand-up-Comedy. Ein Gärtner mit großen künstlerischen Visionen. Eine junge Frau, die einer bekannten Pornodarstellerin wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Ein ungebetener Gast, der in die eigene Vergangenheit einbricht.
Adrian Tomines Erzählungen über die Last der Liebe und ihrer Abwesenheit, über Ambitionen und die Angst vor dem Leben, über Identität und Verlust zeigen ihn auf der Höhe seines Könnens: unberechenbar, schwarzhumorig und tief bewegend.

»Während Tomine vordergründig im klassischen Format des Comics über die Freiheiten und Unfreiheiten des Lebens als Künstler reflektiert, über das Gefangensein zwischen Brotjobs und Selbstverwirklichung und über die Ignoranz seiner Mitmenschen gegenüber vermeintlich minderwertigen Kunstformen – eine Ignoranz, die auch Comiczeichnern nicht unbekannt sein dürfte –, widmet er sich nebenbei auch ganz anderen Fragen und Problemen. Von tiefsitzendem Rassismus und Vorurteilen erzählt er, von Selbstzweifeln, dem Älterwerden und den Zwängen des Kapitalismus – subtil, ohne den Leser mit der Nase darauf zu stoßen, und aus ungewohnten Perspektiven.« (Jungle World)